Artikel-Schlagworte: „Soziales“
Sind Tafelläden Beruhigungsmittel für arme Menschen und deren ehrenamtliche Mitarbeiter „nützliche Idioten“? Darüber lieferten sich Werner Merz, Leiter der Dreiländereck-Tafel und der Lörracher Stadtrat Conrad Bauer (FDP) eine Debatte in diesem Blog. Kathrin Ganter (»Der Sonntag«) bat die beiden zum Gespräch an einen Tisch.
Herr Bauer, in einem Beitrag für gegen-stimmen.de haben Sie die Frage aufgeworfen, ob Tafelmitarbeiter „nützliche Idioten“ sind. Wie kommen Sie zu dieser These?
BAUER: Ich habe große Hochachtung vor dem, was die Tafeln in Deutschland machen. Auch Herr Merz in Lörrach leistet ganz fantastische Arbeit. Aber ich möchte hinterfragen, wo die Tafeln sich selber sehen, wo sie stehen in der sozialen Landschaft. Ob die Tafeln sich im unpolitischen Raumbewegen.
Herr Merz, sehen Sie die Tafel als unpolitische Organisation?
MERZ: Wir sind ein eingetragener Verein und haben uns auf die Fahnen geschrieben neutral zu sein, weder politisch noch religiös beeinflussbar.Wir können als Privatpersonen selbstverständlich eine politische Meinung haben und die habe ich auch. Aber diese soll nicht auf die Tafel übertragen werden.
BAUER: Aber kann man sich ganz dem entziehen, dass die Politik nun wieder die Tafeln instrumentalisiert?
Können Sie konkret beschreiben, was Sie mit instrumentalisier meinen?
BAUER: Man streicht in Berlin jetzt wieder die Leistungen, wie etwa das Elterngeld. Der Politologie-Professor Peter Grottian sagt, dass, je mehr die Leistung des Staates zurückgeht, umso mehr blüht die Tafel. Ich sehe eine Interdependenz, eine Abhängigkeit von Tafeln und Gesellschaft.
MERZ: Ich habe nicht den Eindruck, dass wir von der Politik benutzt werden. Wir haben uns die Aufgabe gestellt, Lebensmittel vor der Vernichtung zu bewahren und sie denen zu geben, die etwas weniger haben als andere. Wir haben ein gutes Sozialsystem, so dass jeder zumindest im Discounter einkaufen kann. Unsere Kunden können sich durch die Tafel auch mal zusätzlich etwas leisten, wenn sie beim Einkauf bei uns was sparen.
Herr Bauer, Sie stellen sogar einen Zusammenhang her zwischen der Verschleppung von Anträgen, etwa bei Hartz IV und der Existenz von Tafelläden.
BAUER: Es kann sein, dass Institutionen wie die GAL sagen, wenn ein Antrag auf dem Tisch liegt und viel zu tun ist, dass sie etwas langsamer machen können, weil ja die Tafel da ist. Aber Herr Merz, glauben Sie wirklich im Ernst, dass die Leute nicht das, was sie bei Ihnen einkaufen, dringend benötigen für ihren Lebensunterhalt?
MERZ: Wir haben in unserem Versorgungsgebiet in etwa 3000 Bedarfsgemeinschaften. 1000 davon sind bei uns Kunden im Tafelladen. Also kommen die anderen 2000 ohne die Tafel über die Runden.



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