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Neue Verklärungsstudie der Bertelsmann-Stiftung

Kommentar von Joachim Weiss

Während der Sozialstaat unter den Folgen verantwortungsloser politischer Fehlentscheidungen zusammenbricht und den Menschen jede auch nur halbwegs glaubwürdige Zukunftsperspektive verloren geht, lassen die Krisen-Verursacher ihre Berater zur allgemeinen Erbauung auch gerne mal aus dem Kaffeesatz oder aus der Kristallkugel lesen. Die pietistisch durchseuchte Bertelsmann-Stiftung aus Gütersloh, der das Land soziale Wunderwerke wie die Hartz-Reform oder die „Einführung“ von Schutzgeld Studiengebühren dankt, bedient sich dazu offenbar einer Schneekugel aus der Kitsch-Sammlung von Liz Mohn, in der beim Schütteln kleine Hartz-IV Männchen, alleinerziehende Mütter, kranke Kinder und zugewanderte Billig-Akademiker/innen aus der dritten Welt lustig durcheinander wirbeln. Dann lachen sie, die menschenfreundlichen Reformer, und erzählen spaßige Geschichten, die von propagandasüchtigen Sozial-Paparazzis sogleich verbreitet werden.

In diesem Sinne verkündet WELT Online in der Ausgabe vom 28. Juli 2010 die frohe Botschaft aus Gütersloh: „Arbeitslosigkeit geht bis 2020 deutlich zurück.“ Die neueste Studie der Bertelsmann-Stiftung sei ein „Lichtblick für den Arbeitsmarkt in Deutschland“, der Produktionsarbeitsplätze zwar weiterhin ins Ausland verlagert, qualifizierten Arbeitnehmern aber dennoch gute Berufsaussichten böte. Juhu!

„Nach Berechnungen der Stiftung wird die Zahl der Vollerwerbsarbeitsplätze bis 2020 um 1,7 Millionen (im Vergleich zu 2003) zunehmen. Auch für geringfügig Beschäftigte stehen bis dahin 820.000 zusätzliche Arbeitsplätze zur Verfügung. Profitieren werden vor allem die qualifizierten Arbeitskräfte in den Boom-Branchen. Aber auch Angelernte und gering Qualifizierte bekommen wieder bessere Chancen, wenn sie in den richtigen Berufen tätig sind, heißt es in der Studie „Wer gewinnt, wer verliert? Globalisierung und Beschäftigungsentwicklung in den Wirtschaftsbranchen“.

Was man unter den “richtigen Berufen” zu verstehen hat spricht die Studie offen aus: „Gesundheitsberufe wie Altenpfleger, Krankenschwester und Sprechstundenhilfe oder sozialpflegerische Berufe wie Heimleiter oder Sozialarbeiter.“ Hinzu kommen Gästebetreuer, Hotel- und Gaststättenpersonal oder Flugbegleiter, Arbeitsplätze von Kaufleuten in der Datenverarbeitung, im Speditions- und Rechnungswesen. Natürlich sind Akademiker besonders gefragt, Zuwanderer aus Indien, China oder Afrika zwecks Unterbezahlung bevorzugt.

Man könnte solche dummdreisten Prognosen mit einem Leserbrief an die GWUP senden, eine „wissenschaftliche Skeptikerorganisation“, welche für die Streichung der Homöopathie eintritt und Prognosen von Hellsehern und Astrologen überprüft. Fraglich ist allerdings, ob die Schneekugel-Visionen der Bertelsmann-Stiftung die wissenschaftlichen Mindestanforderungen der Skeptiker erfüllen, oder nicht einfach als manipulativer Betrugsversuch abgelehnt werden…

*

28.07.2010/jowi

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