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Liz Mohn – Mutter Theresa der Rolexuhrenträger?

von Joachim Weiss

Was hat Bertelsmann im Jubeljahr 2010 noch gefehlt? Eine prestigeträchtige Huldigung an die barmherzige Konzernchefin Liz Mohn, eine Frau, die den amerikanischen Traum „vom Tellerwäscher zum Millionär“ als Telefonistin, Chef-Geliebte und Milliardenerbin erfolgreich auf westfälische Lebensverhältnisse übertragen hat. Dafür wurde sie heute vom Kieler Institut für Weltwirtschaft (ifW) gemeinsam mit dem Nobelpreisträger Paul Krugman und Pascal Lamy, Generaldirektor der Welthandelsorganisation, mit dem »Weltwirtschaftlichen Preis 2010« ausgezeichnet.

Zu der Preisverleihung am heutigen Sonntag (20. Juni 2010) fand sich im Lesesaal der Kieler Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften renommiertes Publikum ein: zur Eröffnung sprach CDU-Ministerpräsident Peter Harry Carstensen, die Laudatio ihro Exzellenz der Bundesminister der Finanzen, Wolfgang Schäuble, CDU. IFW-Präsident Dennis Snower sagte, die Preisträger hätten vorgelebt, wie »eine Synthese aus wirtschaftlicher Effizienz und sozialer Verantwortung« gelingen könne. Wie jedes Kind weiß, hat diese Synthese in Deutschland einen Namen: Hartz-IV.

Und wohl ist es wahr, dass die Bertelsmann-Stiftung an der Konzeption und Durchsetzung dieser „gelungenen Synthese“ nachhaltig mitgewirkt hat – ganz im Sinne des 2009 verstorbenen Stifter Reinhard Mohn, der schon vor der Jahrtausendwende für die Abschaffung des Sozialstaates plädiert hat. Frau Mohn, so Snower, stehe auch ganz persönlich dafür, »durch Wissensverbreitung und wirtschaftliche Tätigkeit den sozialen Zusammenhalt zu fördern.« Ihr soziales Engagement in zahlreichen Stiftungen und wohltätigen Organisationen sorge für eine Verbesserung der sozialen Rahmenbedingungen.

Soziales Engagement als wohlfeiles Düngemittel für die Auftragsbücher von Unternehmen

Wer auch nur einen Funken Ahnung von der Kunst hat, die Realität in ihr Gegenteil zu verkehren, weiß wovon Snow spricht: Soziales Engagement als wohlfeiles Düngemittel für die Auftragsbücher des Bertelsmann-Konzerns, trojanisches Marketing zur Durchsetzung von Unternehmenspolitik und die Erfüllung hegemonialer Allmachtsphantasien – darum geht es in Gütersloh!

Es trifft sich allerdings gut, dass die Auszeichnung vom IfW vergeben wird, einem Institut, dass dem Bertelsmann-Konzern an historischer gesicherter Belastung durch die NS-Zeit in nichts nachsteht. 1914, zum 25. Jahrestag der Thronbesteigung von Kaiser Wilhelm II als Königliches Institut für Seeverkehr und Weltwirtschaft an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel gegründet, lieferte das IfW im Dritten Reich das wirtschaftswissenschaftliche Handwerkszeug zur Ausplünderung ganzer Volkswirtschaften. Das Kieler Institut erstellte kriegswirtschaftliche Planungen und Analysen zur Lage der kriegsführenden Länder. Ab 1939 wurde die Forschung des IfW auf den „Großraum“ ausgerichtet, eine Konzeption, die sich laut Wikipedia auf »Autonomie und Autarkie Deutschlands bezog und nicht weniger sein sollte, „als eine wirtschaftswissenschaftliche Grundlegung für ein deutsch beherrschtes Europa “«

2.000 Geheimgutachten für Wehrmacht, Ministerien, Großbanken

In dieser Mission hat das IfW mehr als 2.000 Geheimgutachten für Wehrmacht, Ministerien, Großbanken und Industrieunternehmen erstellt. »…In der Nachkriegszeit beförderten alle Verantwortlichen des IfW die Sichtweise, dass sich das Institut im Nationalsozialismus einer „unpolitischen Weltwirtschaftsforschung“ verschrieben habe. Dementsprechend gab es praktisch keine Selbstkritik geschweige denn Bedauern über das Handeln des Instituts… Bis heute gibt es bezeichnenderweise keine Institutsgeschichte, die sich auf neuestem Forschungsstand mit der eigenen Vergangenheit beschäftigt«

Auch der Bertelsmann-Konzern, ehemals Hauptlieferanten für Wehrmachtsliteratur und kriegsverherrlichendes Schrifttum, weiß, wie man unbequemen Fragen über die Unternehmensgeschichte aus dem Weg geht: Gedächtnislücken, Widerstandslegenden und Ignoranz sind dabei ebenso hilfreich, wie medienwirksam inszenierte Preisverleihungen an wohltätige Multimilliardäre. Und wer weiß – vielleicht geht die Ex-Telefonistin Liz Mohn dereinst als Mutter Theresa der Rolexuhrenträger in der Sozialgeschichte ein.

***

20.6.2010/jowi

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1 Kommentar zu „IfW ehrt Bertelsmann-Erbin mit Weltwirtschaftspreis“

  • update sagt:

    Lesetip von Spiegelfechter.de: Paul Krugmann in einem Beitrag für die ZEIT vom 13.10.2008. Zitat:

    “Das Durcheinander beim Ausscheiden von Jack Welch als Chef des US-Konzerns General Electric hatte einen positiven Nebeneffekt: Es gab Einblick in die Sozialleistungen, die die Wirtschaftselite einstreicht und die der Öffentlichkeit normalerweise verborgen bleiben. Wie sich herausstellte, wurde Welch die lebenslange Nutzung eines Apartments in Manhattan (inklusive Essen, Wein und Wäsche) gewährt, ebenso die Nutzung von Firmenjets und einige andere geldwerte Vorteile im Wert von mindestens zwei Millionen Dollar pro Jahr. Diese Abfindung veranschaulicht, wie sehr Firmenlenker mittlerweile erwarten, ähnlich königlichen Hoheiten des Ancien Régime behandelt zu werden. Finanziell dürften diese Sonderleistungen Welch wenig bedeutet haben. Im Jahr 2000, seinem letzten kompletten Dienstjahr bei General Electric, bezog er ein Einkommen von 123 Millionen Dollar.”

    Artikel lesen: http://www.zeit.de/2002/46/200246_krugmann.neu.xml

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