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Haiti im Fadenkreuz des militaristischen Humanismus

Schaut mensch sich einigermaßen konzentriert die diversen TV-Nachrichtenkanäle an, fällt es ziemlich schnell auf: Ein Bilderwandel in der Berichterstattung über Haiti. Waren in den ersten Tagen Bilder von Opfern des großen Bebens der Medienhit, so kommt, nach einer Woche ungefähr, immer öfter eine andere Medienfigur ins Bild: Plünderer. Und für die gibt es ein Rezept: Soldaten. Anlass für das Bochumer Netzwerk Labournet.de eine aktuelle Materialsammlung zum Thema “Soldaten als Helfer?” zu präsentieren.

Das heisst natürlich nicht, das das Opfer völlig verschwindet – etwa, wenn die Bild-Zeitung sich an ihrer Stelle bei deutschen Unternehmen bedankt (nicht bei den Touristikunternehmen die an den Elektrozäunen gegen die Bevölkerung Haitis beteiligt sind). Aber es bedeutet, dass jetzt “Feuer frei!” gilt, oder zumindest vorbereitet wird. Denn “der Plünderer” ist zwar einerseits jemand, der sich eventuell holt, was er braucht, oder aber auch jemand, der versucht, an Geld zu kommen – als Medienfigur ist er aber vor allem eines: Gefährlich. Und da müssen dann die Soldaten her. Wenn dem so ist, dass es in diesem Falle vor allem die USA sind, die Soldaten “zur Hilfe” schicken und Kritik an den USA in der BRD immer leicht zu haben ist, sollte man nie vergessen, dass es auch in Afghanistan “Plünderer” gibt oder somalische Piraten eine noch gefährlichere Variante suggerieren. Im übrigen sind es natürlich keineswegs nur US-Soldaten, die die “Helfer sichern” sollen: Die nicht eben für ihre Nettigkeit bekannten Gebirgsjäger des ehrenwerten Herrn Berlusconi kommen auch, wie in dem Beitrag “Italienische Gebirgsjäger nach Haiti” von J. de St. Leu und Matthias Monroy auf Telepolis vom 21. Januar 2010 berichtet wird.

In einem Interview mit dem US-amerikanischen Alternativradio “Democracy now” spricht Kim Ives, Journalist der Zeitung “Haiti Liberé” unter vielem anderen genau diese Tatsache an: Dass US-Marinesoldaten vor dem Krankenhaus nur auf ihren Einsatz warteten, sonst aber nichts taten ausser drohen, dass die UNO offiziell erklärt hat, sie helfe erst, wenn die Sicherheit garantiert sei – und dass auf der anderen Seite zahlreiche haitianische soziale Organisationen vom ersten Tag an zeigen, dass sie in der Lage sind, Hilfsverteilung zu organisieren. Ausführlich nachzulesen in “Kim Ives on How Western Domination Has Undermined Haiti’s Ability to Recover from Natural Devastation” vom 20. Januar 2010 bei Democracy now. Ebenfalls am 20. Januar 2010 kommentiert Glen Ford in “US Humanitarian Aid Looks More Like US Invasion” im “Black Agenda Radio” die Kontinuität jeder US-Katatstrophenhilfe – “wollt ihr Hilfe, so akzeptiert unsere Soldaten” ist eine Leitlinie, die alleine in jüngster Zeit von den vom Tsunami betroffenen L ändern über Pakistan nach Haiti führt. In “Haiti – a history of intervention, occupation and resistance” von Andrew Flood, am 20. Januar 2010 bei den Anarchist Writers veröffentlicht, wird die ganze Geschichte der These von den umherziehenden bewaffneten (schwarzen, versteht sich) Gangs von Haiti nachskizziert – und wofür diese Banden (meist inexistent) herhalten mussten.

Einen guten zusammenfassenden Überblick bietet der Beitrag “Die Stunde der Heuchler” von Jörn Schulz in der Jungle-World vom 21. Januar 2010, in dessen Einleitung es heisst: “Nach dem Erdbeben in Haiti begann der Wettbewerb der Helfer. Doch die »internationale Gemeinschaft« hat maßgeblich dazu beigetragen, dass die Katastrophe eine schutzlose und ausgehungerte Bevölkerung traf“.

Das besondere Interesse der USA wird so beschrieben: “Riesige Schulden und Desinteresse des Auslands machten Haiti schon vor den Erdbeben zum gescheiterten Staat. Sie sind wieder da. Helikopter der US-Armee landeten letzten Mittwoch auf dem Gelände des zusammengestürzten Präsidentenpalasts in der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince. Soldaten mit umgehängtem Sturmgewehr übernahmen das Gelände und richteten eine Zentrale ein. Der Flughafen wird bereits seit einigen Tagen von den Marines kontrolliert. Sie entscheiden darüber, welche Maschinen mit Hilfsgütern für die Erdbebenopfer landen dürfen und welche erst einmal auf Flughäfen der benachbarten Dominikanischen Republik verharren müssen. Und sie entscheiden darüber, wer das Land verlassen darf.. Ein Flugzeug der US-Luftwaffe mit einer Radiostation an Bord kreist über dem zerstörten Haiti und funkt in der dort gesprochenen Volkssprache Creol nur eine Botschaft: Bleibt zu Hause. Versucht nicht, in die USA zu gelangen. Ihr seid dort nicht willkommen. Wen wir auf dem Meer erwischen, den schicken wir zurück. Was als grösste humanitäre Hilfsaktion der USA verkauft wird, ist im Grunde Verteidigungspolitik gegen Elendsflüchtlinge…” – und zwar in dem Artikel “Die Last der Geschichte: Ein Land ohne Chance” von Toni Keppeler in der WOZ vom 21. Januar 2010

Die andere Sicht – und Tat

Die andere Seite der Medaille: eine ganze Reihe von NGOs und Hilfsorganisationen haben sich mit einem Aufruf “NGO’s and Relief Groups Call for Immediate and Widespread Distribution of Water and Other Aid Supplies” am 20. Januar 2010 (beim CEPR) an die Weltöffentlichkeit gewandt, endlich Wasser zu verteilen – in einer Woche seien nur 12.000 Flaschen Wasser verteilt worden – nicht zuletzt wegen Streitigkeiten untereinander, wegen sogenannter Sicherheitsbedenken sowohl der USA als auch der UNO (wobei alle Aufrufenden versichern, es gäbe keinen Grund dafür und auch zahlreiche internationale Befürworter dieser Haltung zitieren) und weil die Struktur der Hilfsorganisation nur die Versorgung großer Zentren ermögliche, nicht aber kleinerer oder gar abseits gelegener Sammelstellen flüchtiger Menschen. Und es gibt nicht nur aus Venezuela und Cuba praktische Hilfe von Volksorganisationen – die neubegründete US-Amerikanische Krankenschwestergewerkschaft NNU erließ einen Aufruf an ihre Mitglieder, für je 2 Wochen nach Haiti zu gehen – und bereits bis zum 14. Januar hatten sich 3.400 Freiwillige gemeldet, siehe dazu “National Conference Call TODAY For 3,400 RN Volunteers for Haiti Relief Effort” vom 14. Januar 2010 auf der Gewerkschaftsseite.

Die Globale Initiative IAI (Zusammenschluss urbaner sozialer Bewegungen) hat in ihrem Aufruf “Haiti: straight from the united urban social movements” vom 15. Januar 2010 nicht nur ihre eigene “direkte Aktion” der Hilfe bekannt gemacht, sondern auch die Forderung nach Beschlagnahme von Räumen für die Betroffenen erhoben – etwa der hinter elektrozäunen befindlichen Tourismusanlagen…

Dahinter verbirgt sich eine Haltung, die weiß, dass Nothilfe, darunter auch psychologischer Beistand, in erster Linie von den Betroffenen selbst geleistet wird. Sie darin zu stärken und zu unterstützen, muss die erste Aufgabe von Hilfe sein” – so lautet eine zentrale Passage in einem der laufenden aktuellen Blogberichte von medico international “Helden von Haiti?” vom 21. Januar 2010 auf deren Seite medico-hausblog.

Heuchler, Lügner, Profiteure

Nur eines von einer ganzen Reihe möglicher Beispiele: Die Major Baseball League der USA läßt sich dafür feiern, dass sie 1 Million Dollar gespendet habe. Wenig genug, angesichts ihrer Umsätze, Einkommen und Gewinne findet in “Haiti: Blood, Sweat and Baseball” Autor Jean Damu am 21. Januar 2010 im linksgewerkschaftlichen Portal portside. Nicht vor allem, weil prominente Einzelpersonen das auch gemacht haben, sondern: Dieselbe MLB hat den ganzen haitianischen Subunternehmen der Textilbranche (nicht nur Mannschaftsdress, sondern auch und vor allem: Fanartikel) die Aufträge entzogen, als der Mindestlohn erhöht werden musste…

US Security Company Offers to Perform “High Threat Terminations” and to Confront “Worker Unrest” in Haiti” ist ein Beitrag von Jeremy Scahill – bekannt von seinen Baghdad-Reportagen und Berichten über die Geschäfte der Blackwater Sicherheitsfirma” – der bereits am 18. Januar 2010 in den “Rebel Reports” erschienen ist. Darin zeichnet er nach, wie sich private US-Firmen vom ersten Tag an “ein Stück vom Kuchen sichern wollen” in diesem Falle eine, die sich als darauf spezialisiert bezeichnet, Produktionsstätten gegen Vandalen und Plünderer zu sichern.

Die Paralellen zur Vertreibung farbiger Bevölkerung nach Katrina in New Orleans – und den Profiteuren jener Aktion – zieht in “Haiti 2010: An Unwelcome Katrina Redux” Cynthia McKinney im ZSpace am 20. Januar 2010. Auch dort wurden “Plünderer” verjagt – von der Armee. Und Zusammenrottungen von Nichtweissen sind per se gefährlich – überall auf der Welt. In “The Right Testicle of Hell: History of a Haitian Holocaust” vom 17. Januar 2010 hält der amerikanische Journalist Greg Palast bei der Huffington Post fest, dass die Ursache der Zusammenballung von Menschen auf engstem Raum die internationale Ausbeutung Haitis sei – so habe etwa Frankreich bis 1947 Reparationen für die Revolutionsschäden bezogen…Um diese Rolle anschliessend dem IWF abzutreten. Dieser meldete sich auch sofort für sein Zielgebiet Haiti zu Wort: In “IMF to Haiti: Freeze Public Wages” bewertet Richard Kim im blog von The Nation bereits am 15. Januar 2010 den mit Fanfarenstößen verkündeten neuen IWF-Kredit an Haiti – er werde zu den üblichen Konditionen vergeben, heisst es. Was bedeutet: Strompreise rauf, Bezahlung im Öffentlichen Dienst runter.

Wenns um Kapital geht, beansprucht dieses die ganze Nothilfe alleine.

Quelle:

www.labournet.de, Zusammenstellung: hrw.

* * *



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2 Kommentare zu „Soldaten als Helfer?“

  • update 30.1.2010 sagt:

    Haitis Regierung sieht sich ausgegrenzt
    Haitis Präsident René Préval (Foto: AP)
    Zweieinhalb Wochen nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti kritisiert die Regierung mangelnde Koordination der Hilfe. Einsatzkräfte berichten von zunehmender Gewalt.

    Haitis Präsident René Préval sagte am Freitag Ortszeit (29.01.2010) am provisorischen Sitz der Regierung in einem Polizeigebäude nahe dem Flughafen in Port-au-Prince: “Viele Länder engagieren sich und haben guten Willen, zu helfen. Aber unsere Regierung wird nicht eingebunden, und man stimmt sich nicht ab”. Die Hilfe gehe direkt an die ausländischen Organisationen. Die Regierung in Port-au-Prince werde daher demnächst einen eigenen Nothilfe-Koordinator ernennen.

    Ein Regierungssprecher gab die Zahl der Toten des Erdbebens der Stärke 7,0 vom 12. Januar mit bis zu 180. 000 an, 10.000 mehr als bei der vorigen Zwischenbilanz. Es würden noch immer Opfer gefunden, sagte er.

    Berichte über Gewalt

    Erdbebenhelferin des kanadischen Roten Kreuzes mit Kleinkind (Foto: AP)Bildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Erdbebenhelferin des kanadischen Roten Kreuzes mit Kleinkind

    Helfer aus Deutschland berichten von einer angespannten Sicherheitslage in dem Karibik-Staat. Dorthin, wo wirklich Hilfe benötigt werde, traue sich niemand, sagte die Kölner Ärztin Barbara Höfler, Helferin der “Salesianer Don Boscos” der Deutschen Presseagentur (dpa). Es gebe marodierende Banden, die die Einrichtungen ihrer Organisation vor zehn Tagen geplündert hätten. Ähnlich äußerte sich der aus Haiti zurückgekehrte Würzburger Arzt Joost Butenop. Es sei bereits zu ersten Demonstrationen und Straßenblockaden gekommen. Der Grund: “In den Slums sind fast keine Häuser zerstört worden.” Hilfsgüter gebe es jedoch nur für die Obdachlosen.

    Ärzte und Pfleger arbeiten im Katastrophengebiet weiterhin unter extremen Bedingungen. Die Hilfsorganisation “Ärzte ohne Grenzen” rief zu Blutspenden auf. “Wir müssen viel amputieren”, zitiert dpa den Chirurgen Chris Schimanek aus Österreich. “Oft sind die Knochen so zerstört, dass es Monate dauern würde, bis sie heilen.” Dies sei unter den hygienischen Bedingungen in Haiti aber nicht möglich.

    Schulen öffnen wieder

    Gleichzeitig kehrt langsam so etwas wie Normalität in das geschundene Land zurück. Am Montag soll der Unterricht in den nicht zerstörten Schulen wieder beginnen. Derzeit würden öffentliche und private Schulgebäude einer Prüfung unterzogen, so das Bildungsministerium in Port-au-Prince. Die Behörden suchten nach Wegen, alle Schüler zurück in ihre Klassenräume zu bekommen. Hilfsorganisationen schätzen, dass 1,8 Millionen Kinder und 5000 bis 8000 Schulen betroffen sind. Schon vor der Katastrophe war das Bildungssystem in Haiti mangelhaft. Nur etwas mehr als die Hälfte der rund neun Millionen Einwohner Haitis kann lesen und schreiben.

    Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen begann damit, die Waisenkinder im Erdbebengebiet zu erfassen. Die Kinder sollen in extra eingerichteten Notunterkünften unterkommen, teilte UNICEF in Paris mit. Die Zahl der Kinder, die durch das Erdbeben zu Waisen oder von ihren Eltern getrennt worden sind, wird auf eine halbe Million geschätzt.

    Das UN-Entwicklungsprogramm hat bislang 12.500 Haitianer angestellt, die sich gegen ein tägliches Entgelt an den Aufräumarbeiten beteiligen. UN-Nothilfekoordinator John Holmes sagte in New York, Ziel sei es, bis zu 200.000 Haitianer für die Arbeiten zu gewinnen und ihnen gleichzeitig die Versorgung ihrer Familien zu ermöglichen. Die Vereinten Nationen zahlten im Rahmen des Programms “Cash for Work” drei Dollar Bargeld am Tag und zwei Dollar in Form von Nahrungsmitteln, sagte Holmes.

    Ban verteidigt Einsatz von US-Soldaten

    US-Soldat auf dem Flughafen von Port-au-Prince (Foto: AP)Bildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: US-Soldat auf dem Flughafen von Port-au-Prince

    UN-Generalsekretär Ban Ki Moon wies in einem Interview der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” vom Samstag Kritik am Einsatz tausender US-Soldaten in Haiti zurück. Nicht die US-Streitkräfte, sondern die UN-Stabilisierungsmission Minustah sei “für die Aufrechterhaltung von Recht, Ordnung und Stabilität verantwortlich”, betonte Ban. Die Vereinigten Staaten hätten “deutlich gesagt, dass sie eine untergeordnete, unterstützende Rolle einnehmen.” Die UN seien den USA für ihren Einsatz bei der Versorgung der Menschen sehr dankbar, erklärte der Generalsekretär.
    Quelle: Pressemeldung http://www.dw-world.de/dw/article/0,,5195078,00.html

  • hoy sagt:

    23.01.2010 – Dominikanische Truppen für Haiti

    Haiti akzeptiert 150 Soldaten aus der Dominikanischen Republik um die Strassen sichern – Der Aussenminister Carlos Morales Troncoso sagte, dass die Soldaten hingehen um die humanitäre Hilfe zu stärken.

    Santo Domingo – Haiti hat die Offerte der Dominikanischen Republik, 150 Soldaten zu schicken, um die Strasse, welche das zerstörte Port-au-Prince mit der Grenze verbindet, zu sichern, akzeptiert, teilten die Vereinten Nationen (UNO) mit.
    Der Direktor des UNO-Kontingents für den Erhalt des Friedens in Haiti, Alain Le Roy, hatte am Sonntag mitgeteilt, dass die Dominikanische Republik ein Bataillon von 500 Mann offeriert habe um die Macht der UNO in Haiti zu stärken und die entscheidende Landesroute zu sichern, welche für den Transport von Lieferungen für Tausende Überlebende des schrecklichen Erdbebens benutzt wird.
    Gut informierte westliche Diplomatenquellen sagten am Mittwoch, dass der haitianische Präsident René Préval diese Offerte abgelehnt habe.

    Der Pressesprecher der UNO, Martin Nesirky, sagte im Hauptsitz der Organisation in New York, dass die Dominikanische Republik jetzt 150 Soldaten zur Sicherung dieses Korridors offeriert habe, welcher ausser der Luftlinie eine lebenswichtige Strassenverbindung ist, und Haiti habe dies akzeptiert.

    Quelle: Hoy (http://www.linkhitlist.com/cgi/LHL_D.exe?G2L&LinkNo=1697570&ListNo=20100)
    Übersetzung: http://www.domrep.ch (http://www.linkhitlist.com/cgi/LHL_D.exe?SLHL&ListNo=20100123456)

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